Das Allgemeine im Besonderen: Zum Wert von Straßenbiografien

Der menschliche Faktor ist zurück. Seit einiger Zeit erfreuen sich Biografien wieder größerer Beliebtheit. Nachdem der Schwerpunkt lange vor allem auf Strukturen und Prozessen gelegen hatte, rücken nun wieder einzelne Lebensgeschichten in den Mittelpunkt der Geschichtswissenschaft. Aber können auch Straßen Biografien haben? Oder ist dies eine unzulässige Ausweitung eines historiografischen Genres, das eigentlich nur handelnden Subjekten zuteilwerden sollte?

„Straßenschlachtung“ als Anlass zur Straßengeschichte

Straßen haben keine eigene Handlungsmacht. Sie sind keine historischen Akteure. Aber sie sind ein wichtiger Teil der materiellen Kultur, und daher versehen Menschen Straßen mit Bedeutung. Dabei gleichen die historischen Beschreibungen von Straßen nicht selten den Narrativen, mit denen auch menschlichem Leben Sinn gegeben wird. Auch Straßen erleben einen Aufstieg oder können abstürzen. Sie unterliegen einem Verfallszyklus oder sind vom Abriss bedroht. So nahmen Denkmalpfleger und Architekturhistoriker die Sorge um die Zerstörung ganzer Gründerzeitstraßen am Anfang der 1980er Jahre zum Anlass, die ersten Straßenbiografien zu schreiben. Indem sie die lange Geschichte der Straßen schilderten, wandten sie sich gegen die geplante „Kahlschlagsanierung“, die sie als „Straßenschlachtung“ kritisierten.

Zugleich erwachte in der akademischen Geschichtswissenschaft und in den neuen Geschichtswerkstätten ein starkes Interesse an der Alltagsgeschichte der einfachen Leute. In dem Maße, wie deren Biografien entdeckt wurden, zogen auch die Straßen der städtischen Arbeiterbevölkerung Aufmerksamkeit auf sich, denn hier spielte sich das Leben der Menschen ab. Straßen bildeten das Scharnier zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre. Sie erlebten Straßenproteste und Straßenschlachten.

Drei Arten von Straßenbiografien

So entstand eine Vielzahl von Straßenbiografien. Dabei lassen sich drei verschiedene Zugänge unterscheiden: Es gibt Straßenbiografien zu ganz gewöhnlichen Wohnstraßen, die eher zufällig aufgrund einer besonders guten Quellenüberlieferung ausgewählt wurden und beispielhaft für viele andere Straßen stehen können. Weiterhin gibt es Darstellungen von besonderen Straßen, die eine herausragende Funktion innehatten, wie etwa die Stalinallee als sozialistischer Boulevard. Und schließlich gibt es Straßen, die Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse waren und deshalb das Interesse des Historikers auf sich ziehen.

Ein ganzes Jahrhundert auf überschaubarem Raum

Hierzu zählt ohne Zweifel die Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain, deren Name weithin synonym mit den Ereignissen vom 12.-14. November 1990 gebraucht wird. Seither steht die Mainzer Straße als Chiffre für den größten Polizeieinsatz in der Geschichte Berlins, der einen kurzen Sommer der Anarchie zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung beendete und zum Scheitern der ersten rot-grünen Koalition in Berlin führte. Doch die Geschichte der Mainzer Straße erschöpft sich nicht in den besetzten Häusern und ihrer Räumung. Die Straße hat eine über einhundertjährige Geschichte: von ihrer Entstehung im Kaiserreich über das Wohnungselend sowie die Straßenkämpfe zur Zeit der Weimarer Republik und die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis hin zum Alltag im Staatssozialismus.

Und auch nach der Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße 1990 ging die Geschichte weiter. Die Straße wurde weitgehend saniert und steht heute beispielhaft für die fortschreitende Gentrifizierung der alten Berliner Mietskasernenviertel. Anhand der Biografie einer einzelnen Straße wird somit das Allgemeine im Besonderen deutlich. Sie verdichtet das komplexe Geschehen eines ganzen Jahrhunderts auf einen überschaubaren Raum, sie erlaubt eine Nahaufnahme der handelnden Akteure, und sie fragt nach den Bedeutungen, die die Bewohnerinnen und Bewohner ihrem Leben beimaßen. In dieser dichten Beschreibung liegt der große Wert der folgenden Straßenbiografie.

Hanno Hochmuth, Januar 2016

Mit Hanno Hochmuth unterwegs in der Mainzer Straße, Berlin, November 2015, Foto: C. Bartlitz ©

Mit Hanno Hochmuth unterwegs in der Mainzer Straße. Berlin, November 2015. Foto: Christine Bartlitz ©

 

Literaturverzeichnis

Susan Arndt u.a. (Hrsg.), Berlin Mainzer Straße. Wohnen ist wichtiger als das Gesetz, Berlin 1992.

Martin Düspohl/Dirk Moldt (Hrsg.), Kleine Friedrichshain-Geschichte, Berlin 2013.

Hanno Hochmuth, Vom langen Wandel der Mietskaserne. Öffentlichkeit und Privatheit in Berlin-Kreuzberg, in: Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte/Annuaire suisse d’histoire économique et sociale 28 (2014), S. 239-258.

Dieter Hoffmann-Axthelm, Straßenschlachtung. Geschichte, Abriß und gebrochenes Weiterleben der Admiralstraße, Berlin 1984.

Thomas Lindenberger, Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin, 1900-1914, Bonn 1995.

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