Der Friedhof Georgen-Parochial IV

Gründung

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Historische Gittergrabstellen. Foto: Juliane Bluhm ©

Am 7. Oktober 1867 wurde der Friedhof anlässlich der Beisetzung von Frau Auguste Sophie Cassens eingeweiht. Zu dieser Zeit befand er sich am Stadtrand von Berlin, welcher bereits zu der damals noch eigenständigen Stadt Lichtenberg gehörte, die den Bau des Friedhofs kritisch beäugte. Doch trotz Gegenprotesten wurde der Friedhof wie geplant gebaut, und als die Stadt weiter wuchs, wurde er von Neubauten umrandet. Aufgrund seiner Lage im Boxhagener Kiez, der vornehmlich ein Arbeiterviertel mit vielen kleinen Fabriken und Mietskasernen war, wurden hier hauptsächlich Bürger, Kleinbürger, ArbeiterInnen und deren Kinder beigesetzt. Die Angehörigen der Parochialgemeinde wurden zunächst in unmittelbarer Nähe vom Eingang bestattet, andere Verstorbene weiter im Inneren. Der nördliche Teil des Friedhofs wurde anfangs nicht für Bestattungen genutzt und an einen Gärtnermeister und eine Holzhandlung vermietet.

Besonderheiten

Gemeinschaftliches Grab der Widerstandskämpfer. Foto: Juliane Bluhm.

Gemeinschaftliches Grab der Widerstandskämpfer. Foto: Juliane Bluhm ©

Auffällig sind die Gittergrabstellen neben dem Hauptweg, von denen nur noch vier erhalten sind, und ein gemeinsames Grab von drei Widerstandskämpfern gegen das nationalsozialistische Regime. Die Arbeiter Fritz Riedel, Kurt Ritter und Willi Heinze gehörten der Widerstandsgruppe um Robert Uhrig an und wurden 1944 und 1945 ermordet.

Eine weitere Besonderheit bietet die Friedhofskapelle, die 1879 eingeweiht wurde. Sie gilt als ältestes Gebäude Friedrichshains. Die von den Architekten G. Knoblauch (1833-1916) und H. Wex entworfene Kapelle markiert den Eingang zum Friedhof an der Boxhagener Straße und kann aus architektonischer Sicht dem Klassizismus Schinkels zugeordnet werden. Der aus gelbem Klinkerstein gefertigte rechteckige Bau folgte mit seinen Rundbogenfenstern, Satteldach und Portikus der zeitgenössischen Tendenz zu mittelalterlichen und romantischen Formen. Seit 1949 wurde die Kapelle von der evangelischen Verheißungskirchengemeinde als Kirche genutzt und zu dem Zweck 1950 umgebaut.

Nutzung als Theaterkapelle

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Die Kapelle der Verheißungskirche am Friedhof. Foto: Juliane Bluhm ©

Seit 1990 wird sie auch als Theaterkapelle genutzt. Im März 2014 mussten die ehemaligen MieterInnen die Kapelle verlassen, doch fanden sich Interessenten, die das Gebäude weiterhin kulturell nutzen wollten. So wurde im Sommer 2015 bekannt, dass ein ursprünglich im Prenzlauer Berg angesiedeltes Theater ab der Spielzeit 2016/2017 in die Theaterkapelle einziehen wird.

Der Friedhof 1990

Im „Sommer der Anarchie“ 1990, in dem viele der Häuser der Mainzer Straße besetzt wurden, diente der Friedhof als Fluchtweg der BesetzerInnen vor den PolizistInnen. Daher wurden bei der Räumung im November 1990 Polizeiwagen auf dem Friedhof geparkt, um diesen Weg zu versperren.

Verena Bartsch, März 2016

 

 

Titelbild: Panorama vom Friedhof. Foto: Thomas Schulmeister ©

 

Literaturverzeichnis

Ev. Friedhofsverband Berlin Stadtmitte: http://www.evfbs.de/index.php?id=204 (zuletzt aufgerufen 15.12.2015).

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Denkmaldatenbank: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/detailansicht.php?id=5108 (zuletzt aufgerufen 19.12.2015).

Berliner Woche, Friedrichshain: http://www.berliner-woche.de/friedrichshain/kultur/meine-buehne-will-in-die-theaterkapelle-einziehen-d80731.html 19.12.2015 (zuletzt aufgerufen 19.12.2015).

Berliner Abendblatt: http://www.abendblatt-berlin.de/2014/03/16/die-unsichere-zukunft-der-theaterkapelle/ (zuletzt aufgerufen 19.12.2015).

Jan Michael Feustel, Turmkreuze über Hinterhöfen, Berlin 1999, S. 126.