Eine der brutalsten Straßenschlachten nach dem Krieg? Die Reaktionen der Presse auf die Räumung

Die Presseberichterstattung über die Räumung der Mainzer Straße am 14. November 1990 variierte stark. Je nach politischem Standpunkt der Zeitungen stellten sich die JournalistInnen auf die Seite des Staates beziehungsweise der Polizei oder versuchten, neutralere Beschreibungen der Ereignisse wiederzugeben.

Am Tag der Räumung, dem 14. November 1990, gab der Regierende Bürgermeister Walter Momper eine Pressekonferenz im Rathaus Schöneberg. Er zeigte sich besorgt über das Ausmaß der Gewalt, dankte der Polizei und kritisierte die mangelnde Verhandlungsbereitschaft der BesetzerInnen. Diese seien zum größten Teil nicht Menschen, die friedlich in Friedrichshain leben, sondern „Leute, die aus Kreuzberg Randaleexport betreiben“ würden und diese Randale „auf dem Rücken der Bevölkerung“ (Presseerklärung Momper, 14.11.1990) austrügen.

Viele Zeitungen schrieben Ähnliches. So bezeichnete die Frankfurter Rundschau Ostberlin als „Besetzer-Eldorado“, in dem in der Mainzer Straße ein Stellvertreterkrieg zwischen PolizeibeamtInnen aus dem alten Bundesgebiet und aus dem Westen zugezogenen Besetzerinnen und Besetzern ausgetragen würde. „Waschechte Ossis“ hätten sich – als Anfänger im Häuserkampf – nicht getraut, meinte jedenfalls die Zeitung und verwies auf den wahltaktischen Hintergrund der Räumungen (Frankfurter Rundschau, 15.11.1990).

Extremere Meinungen kamen von Bild und BZ. Die BZ beschrieb die Ereignisse aus Sicht des SEKs und malte dramatische Bilder von den Verteidigungsanlagen. „Hinterhältige Todesfallen“ hätten in Form von unter Strom gesetzten Eisenplatten, Falltüren und Feuerbomben auf die PolizistInnen gewartet. Diese Art der Verteidigung sei, so zitierte die BZ einen leitenden Beamten, „versuchter Mord“ (BZ, 15.11.1990). Die Bild-Zeitung hingegen thematisierte unter der Schlagzeile „Die Schlacht von Berlin“ die „unschuldigen Opfer der Blutnacht“. Der Schrecken, den die BewohnerInnen Friedrichshains erlebt hätten, sei unvorstellbar (Bild, 15.11.1990). Zu einem weniger polarisierenden Ergebnis kam hingegen die Welt, die ebenfalls die Sicht einer in der Nachbarschaft wohnenden Frau wiedergab. Diese habe anfangs mit den BesatzerInnen sympathisiert, im Laufe der Ereignisse jedoch die wachsende Gewalt(-bereitschaft) kritisiert (Welt, 15.11.1990).

Andere Medien veröffentlichten neutralere, beobachtende Artikel. So publizierte zum Beispiel der Tagesspiegel eine Art Protokoll der Ereignisse am Mittwochmorgen (Tagesspiegel, 15.11.1990). Das differenzierteste Bild gab die Berliner Morgenpost, die mehrere Einzelartikel zu den Themen der Räumung aus der Sicht des Sondereinsatzkommandos, der DemonstrantInnen gegen die Räumung, aus der Sicht der AnwohnerInnen und der PolitikerInnen, die die sogenannte Berliner Linie vertraten, veröffentlichte. Laut SEK hätten die Wohnungen einem Müllplatz geglichen. Auch in dieser Zeitung wurden AnwohnerInnen zitiert, die die Härte der Polizei kritisierten und äußerten, dass die eigentlichen GewalttäterInnen aus Kreuzberg gekommen seien (Berliner Morgenpost, 15.11.1990).

In den darauf folgenden Tagen und Wochen erschienen weitere, tiefer analysierende Artikel. So urteilte zum Beispiel die Berliner Zeitung über die Tage nach der Räumung, dass Senat, HausbesetzerInnen und Polizei aneinander vorbei reden und sich gegenseitig die Schuld zuschieben würden. Die Polizei kritisierte, dass die BesetzerInnen töten wollten; die BesetzerInnen, dass die Polizei provozieren wollte. Der Innensenator prangerte die monatelange mangelnde Verhandlungsbereitschaft von Seiten der BesetzerInnen an, was diese wiederum als Lüge bezeichneten (Berliner Zeitung, 19.11.1990). Der Stern benannte die Räumung als „eine der brutalsten Straßenschlachten nach dem Krieg“ und zeigte die Perspektive der BesetzerInnen, der Polizei und der Nachbarn auf (Stern, 22.11.1990). Als eine der wenigen Medien, die sich auf die Seite der BesetzerInnen stellte, übte die taz Kritik am Senat. Die „Räumung war Vertrauensbruch“, und die BesetzerInnen wollten verhandeln, wurden aber nicht erhört (taz, 22.11.1990).  

Auch zum Jahrestag der Räumung 1991 wurde an die Ereignisse erinnert. Die taz beschrieb ein Treffen der BewohnerInnen in der Mainzer Straße, die diese – zum Teil zum ersten Mal – seit der Räumung wieder besuchten. „Früher saß der Westimport in ihnen drin, jetzt klebt er außen dran“, kommentierte taz-Autor Dirk Ludigs die Renovierung der vor einem Jahr geräumten Häuser (taz, 14.11.1991).

Helen Stoeßel, März 2016

Collage aus Zeitungsüberschriften und Beiträgen aus „Berliner Zeitung“ und „Neue Zeit“ vom 1. bis zum 22. November 1990, Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, ZEFYS Zeitungsinformationssystem: DDR-Presse http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/ddr-presse/?no_cache=1

Collage aus Überschriften und Beiträgen: „Berliner Zeitung“ und „Neue Zeit“ vom 1. bis zum 22. November 1990, Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, ZEFYS Zeitungsinformationssystem: DDR-Presse

 

Quellenverzeichnis:

Artikel: „4000 Polizisten hoben Verstecke der Chaoten aus“; „Beifall der ‚legalen’ Anwohner: Endlich ist Ruhe“, in: Berliner Morgenpost, 15.11.1990.

Artikel: „`Anfangs hatte ich viel Sympathie´“, in: Welt, 15.11.1990.

Artikel: „Berlin, Mainzer Straße. Zeugen einer Schlacht“, in: Stern, 22.11.1990.

Artikel: „Besuch in der Mainzer: `Irgendwie museal´“, in: taz, 14.11.1991.

Artikel: „Die Schlacht von Berlin. Momper: Es war Mordlust“, in: Bild, 15.11.1990.

Artikel: „Leuchtraketen erhellen die Ost-Berliner Nacht“, in: Tagesspiegel, 15.11.1990.

Artikel: „Mainzer Straße: Der harte Kern“, in: Frankfurter Rundschau, 15.11.1990.

Artikel: „Polizisten mussten über Todesfallen in die Häuser. Sie mußten über Eisenplatten, die unter Strom standen“, in: Berliner Zeitung, 15.11.1990.

Artikel: „Schuld haben nur die anderen. Senat, Polizei und Hausbesetzer reden aneinander vorbei“, in: Berliner Zeitung, 19.11.1990.

Artikel „`Vertrauen´ geräumt“, in: taz, 22.11.1990.

Presse und Informationsamt des Landes Berlin: Presseerklärung Momper, 14.11.1990.