Schüsse in der Mainzer Straße – Zum Tod von Rudi Toffel

Am 1. August 1931 rief die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) zur alljährlichen „Antikriegsdemonstration“ auf. Die KPD propagierte so den Weltfrieden und ihre Verbundenheit zur Sowjetunion und zur Kommunistischen Internationalen. Man demonstrierte auch gegen die „imperialistische“ Regierung von Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum), die Politik des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD) und den politischen Hauptgegner: die NSDAP.

Mithilfe von Notverordnungen hatte der Berliner Polizeipräsident der KPD die Demonstration untersagt, da sie wiederholt gegen die parlamentarische Demokratie propagiert hatte. Die preußische Regierung befürchtete zudem einen Straßenkampf zwischen KommunistInnen und NationalsozialistInnen sowie der Polizei. Dennoch versammelten sich die AnhängerInnen der KPD in Demonstrationszügen. Einer von ihnen war der junge Kommunist Rudi Toffel.

Aufruf der KPD zur Antikriegsdemonstration 1. August 1931

Aufruf der KPD zur Antikriegsdemonstration. Quelle: Die Rote Fahne, 1. August 1931

Tödliche Schüsse in Bauch und Hals

Am 1. August 1931 passierte gegen drei Uhr ein Demonstrationszug der KPD die Frankfurter Allee, Ecke Mainzer Straße. In der Nähe hielt sich auch der 19-jährige Rudi Toffel auf. Ob er Teil der Demonstration oder nur Zuschauer war, ist nicht geklärt.

Nach Angaben der Vossischen Zeitung wollten fünf Polizisten den Demonstrationszug auflösen und Verhaftungen der Organisatoren vornehmen. An dieser Stelle kam es zu einem Schusswechsel. Hierbei wurde nach Angaben der Behörden Polizeihauptwachtmeister Viebig durch einen Schuss aus der Masse schwer verletzt. Im weiteren Verlauf der Handlungen wurden mehrere DemonstrantInnen ebenfalls angeschossen oder getötet.

Auch der junge Rudi Toffel soll hierbei tödliche „Bauch- und Halsschüsse“ erlitten haben und noch an der Ecke Mainzer Straße verstorben sein. Die bürgerliche Vossische Zeitung stellte zur Debatte, ob es sich um Mord oder Selbstmord handle, da die Leiche abends in Nähe des Ringbahnhofs Frankfurter Allee von Passanten gefunden worden sei. Die Vossische Zeitung brachte den Fall aber nicht mit der Schießerei am Nachmittag in Verbindung. Über die anderen Todesopfer der Ausschreitungen wurde in der Presse nicht berichtet. Die Rote Fahne, Presseorgan der KPD, identifizierte dagegen die Polizei als Mörder von Rudi Toffel.

Wer letztendlich Rudi Toffel erschossen hat, kann aufgrund der widersprüchlichen Quellenlage und Zeugenaussagen bis heute nicht eindeutig belegt werden.

Rudi Toffel – Der Märtyrer

Toffel wurde am 6. Dezember 1912 geboren. Mit 16 Jahren trat der junge Handwerker in den Arbeitersportverein Lichtenberg ein. Seitdem hatte er sich für die Kommunistische Partei engagiert und war Funktionär des Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) geworden.

Toffels Tod wurde in ganz Berlin propagiert. Seine KJVD-Kameraden und die KPD gedachten Rudi Toffel als „Opfer des Faschismus“ und als „Bollwerk gegen den Faschismus“. Diese Tradition setzte auch die DDR fort. Seine Leiche wurde am 7. August 1931 auf dem „Sozialistenfriedhof“ in Friedrichsfelde beigesetzt.

Alltag: Straßenkampf

Die ungeklärten Todesumstände und die Schießereien am 1. August 1931 spiegeln den alltäglichen Straßenkampf in der Weimarer Republik wider. Gerade in Berlin nahm der Kampf zwischen KPD, NSDAP und der Polizei bürgerkriegsähnliche Züge an. Die preußische Regierung reagierte auf die Ausschreitungen mit einem fünftägigen Verbot der Roten Fahne, die zur verbotenen Demonstration aufgerufen hatte. Ebenfalls wurde ein Trauerzug für Rudi Toffel untersagt; man befürchtete in diesem Zusammenhang weitere Ausschreitungen.

Die BewohnerInnen der Mainzer Straße waren, als Teil des „roten Friedrichshain“, Zeugen dieser brutalen Ausschreitungen in der bald endenden jungen deutschen Demokratie. Denn auch der Friedrichshain sollte seine „rote“ Ausrichtung schon bald verlieren.

Nico Ulbrich, Februar 2016

 

Quellenverzeichnis

Bezirksleitung des KJBD Berlin-Brandenburg, Unser Kamerad Rudi Toffel, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 157, S. 6.

Bundesarchiv Berlin: BArch DY 55/ V /278/6/1910DY 55/V 278/6/1910.

Der Polizeipräsident, 5 Tage Verboten!, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 155, S. 1.

Rüdiger Henkel, Im Sog der absoluten Wahrheit. Lebenswege unter dem Einfluss diktatorischer Ideen, Berlin 2003.

Landesleitung der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, Wieder ein roter Sportler!, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 157, S. 13.

Hermann Stockhaus, 85 Jahre Leben in Berlin. Erinnerungen eines Berliner Metallbaumeisters, Berlin 2004.

Zentralkomitee der SED, Mord immer wieder Mord. Eine Chronik der Gewaltverbrechen des deutschen Imperialismus seit 1919, Berlin 1966.

o.A., Das rote Berlin greift an, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 154, S. 6.

o.A., Gegen die Kriegshetzer und Volksfeinde!, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 154, S. 1.

o.A., Beerdigung von Toffel und Kukies, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 156, S. 10.

o.A., Grzesinski verbietet Trauerdemonstration für die Arbeiter Kukies und Toffel, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 157, S. 8.

o.A., Der letzte Weg von Rudi Toffel und Kukies, in: Rote Fahne 14 (1931), Nr. 158, S. 10.

o.A, Kommunistischer Überfall auf Polizei, in: Vossische Zeitung (1931), Nr. 304, S. 1.

o.A, Wieder ein Polizist niedergeschossen, in: Vossische Zeitung (1931), Nr. 360, S. 5.

o.A, Mord oder Selbstmord, in: Vossische Zeitung (1931), Nr. 361, S. 4.

 

Literaturverzeichnis

Martin Düspohl/Dirk Moldt (Hrsg.), Kleine Friedrichshaingeschichte, Berlin 2013.

Andreas Petersen, Straßenkämpfer am Abgrund. Berliner Bürgerkriegsjugend 1932, in: Uwe Schaper (Hrsg.), Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin, Berlin 2009, S. 279-310.

Oliver Reschke, Der Kampf der Nationalsozialisten um den roten Friedrichshain 1925-1933, Berlin 2004.

Wolfgang Ribbe (Hrsg.), Geschichte Berlins. Von der Märzrevolution bis zur Gegenwart, Bd.2, München 1987.